Beim Austausch bayerischer und tansanischer Studierender im Music Exchange Programm treffen zwei (Musik)Welten aufeinander. Im Interview erzählt Initiatorin Anne Buter, wieso das ein Gewinn für beide Seiten ist, welche Herausforderungen die Begegnung mit sich bringt und was sie antreibt, sie dennoch immer wieder durchzuführen.
Was ist das Music Exchange Programm?
Das Programm besteht aus zwei Teilen: einer Reise bayerischer Musikstudierender nach Tansania und einem Gegenbesuch tansanischer Studierender in Bayern. Im ersten Teil geben die bayerischen Teilnehmenden an vier Institutionen in Tansania Unterricht in Musiktheorie und Instrumentalunterricht: am TaSUBa College of Arts and Culture, an der Dhow Countries Music Academy (DCMA), am Music Culture Center (MCC) sowie im Geigenprojekt in Arusha. Sie unterrichten Studierende verschiedener Musikhochschulen und Universitäten sowie Schülerinnen und Schüler. Die Reise findet zweimal pro Jahr statt.
Im zweiten Teil kommen Studierende aus Tansania nach Bayern, um gemeinsam mit ihren deutschen Kommilitonen künstlerische Projekte zu entwickeln, wie etwa ein Musiktheater. Den Gegenbesuch organisiere ich alle zwei Jahre. Für besonders talentierte Teilnehmende besteht zudem die Möglichkeit, mit einem Stipendium an der Hochschule für Musik und Theater München zu studieren. Drei unserer Stipendiaten bestanden nach ihrem einjährigen Gaststudium die Aufnahmeprüfung und absolvieren inzwischen ihr Bachelorstudium dort. Es sind die ersten Studierenden aus Ostafrika an einer deutschen Musikhochschule.
Seit wann gibt es das Programm?
Wir führen die Workshops in Tansania seit 2018 durch. Seitdem nahmen schon über 90 Studierende aus beiden Ländern teil. 2021 erfuhren wir aus der Presse von der neu gegründeten Stiftung Jugendaustausch Bayern. Unser Workshop-Programm passte hervorragend zu ihrem Förderangebot, mit Afrika als Schwerpunktregion. Die Stiftung fördert das Austauschprogramm seit 2022. Dank der Förderung konnten wir das Programm um den Gegenbesuch in Bayern ergänzen.
Was sind die Voraussetzungen für bayerische Studierende, um am Tansania-Austausch teilnehmen zu können?
Das Programm steht Musikstudierenden aus ganz Bayern offen. Am besten eignet es sich für Personen, die künstlerisch-pädagogische Studiengänge, Jazz oder Schulmusik studieren, da sie am besten improvisieren können. Sie sollten einen Schwerpunkt in einem der Instrumente Saxofon, Klavier, Gitarre, Bass, Schlagzeug haben oder Gesang mit Ausrichtung Jazz.
Neben der fachlichen Qualifikation sind Neugierde, Offenheit und die Bereitschaft entscheidend, sich auf einen einfachen Lebensstil einzulassen. In Tansania gibt es phasenweise keinen Strom und kein fließendes Wasser. Busfahrten sind aufgrund der Straßenverhältnisse mitunter beschwerlich. Wer sehr hohe Ansprüche an Komfort stellt, ist nicht für das Programm geeignet. In zahlreichen Vorgesprächen mit den Bewerbern versuchen wir, das herauszufinden. Pro Jahr können zwölf Studierende mitfahren.
„Neben der fachlichen Qualifikation sind Neugierde, Offenheit und die Bereitschaft entscheidend, sich auf einen einfachen Lebensstil einzulassen.“
Was lernen die jungen Menschen musikalisch voneinander?
Die Studierende bringen unterschiedliche musikalische Traditionen mit, etwa deutschen Jazz und traditionelle tansanische Musik. Während des Austauschs kombinieren sie diese unterschiedlichen Musikstile. Dadurch entsteht spannende neue Fusion-Musik.
Während der Workshops unterrichten die bayerischen Teilnehmenden vor allem Musiktheorie und geben Instrumentalunterricht. Die tansanischen Hochschüler sind sehr neugierig darauf, Jazz-Musik von ihren Kommilitonen zu lernen. Denn Wissen dazu fehlt den Lehrern vor Ort häufig.
Im Gegenzug lernen die deutschen Studierenden traditionelle tansanische Musik kennen, bei der bislang bekannte Grenzen verschwimmen. Musik, Tanz und Gesang gehören in Tansania untrennbar zusammen, ebenso wie die Verbindung zwischen Performenden und Publikum. Es kommt vor, dass Menschen aus dem Publikum einfach auf die Bühne kommen und mitmachen. Diese Erfahrungen empfinden unsere jungen Musiker als sehr bereichernd.
Welche kulturellen Unterschiede gibt es?
Ein großer Unterschied ist die Wahrnehmung von Zeit. Die deutschen Teilnehmenden folgen im Alltag an der Hochschule oft einem strengen Zeitplan und eilen von Kurs zu Kurs. In Tansania ist das anders: Die Menschen leben stärker im Augenblick. Ich beobachte oft, wie nach ein paar Tagen der Stress von unseren Studierenden abfällt. Beim Austausch spielen sie einfach gemeinsam Musik, ganz ohne Leistungsdruck. Umgekehrt stellen die tansanischen Teilnehmenden fest, dass es von Vorteil ist, pünktlich zu den Workshops zu erscheinen, weil sie dann mehr Zeit zum Lernen haben. Beide Seiten erweitern also ihren Blick.
„Ich beobachte oft, wie nach ein paar Tagen der Stress von unseren Studierenden abfällt.“
Wo liegen für Sie die größten Herausforderungen bei den Austauschen?
Im vergangenen Jahr hatten wir erhebliche Schwierigkeiten, ein Visum für die tansanischen Teilnehmenden zu erhalten, die nach Deutschland kommen wollten. Die zuständige Stelle in Tansania forderte die doppelte Gebühr. Nur durch einen persönlichen Kontakt zur ehemaligen Botschafterin konnte ich das Problem noch rechtzeitig lösen.
Darüber hinaus stellen uns die steigenden Preise in München zunehmend vor Herausforderungen. Die Teilnehmenden waren stets in der Jugendherberge untergebracht, doch diese ist erheblich teurer geworden. Beim letzten Austausch mussten wir teilweise auf private Unterkünfte ausweichen. Wie wir das künftig finanzieren, ist noch offen.
Welchen Rat geben Sie Menschen, die einen internationalen Austausch aufbauen möchten?
Wichtig sind verlässliche Projektpartner vor Ort sowie Ausdauer und Beharrlichkeit. Man darf sich nicht von bürokratischen Hürden entmutigen lassen. Ich empfehle, immer wieder nachzufragen und sich ein tragfähiges Netzwerk an Unterstützerinnen und Unterstützern aufzubauen.
„In Europa werden überall Mauern hochgezogen, dabei wäre das Gegenteil richtig: Wir müssen Menschen verbinden und gemeinsame Lösungen für Probleme entwickeln.“
Was treibt Sie persönlich an, den Austausch trotz der Hürden immer wieder zu organisieren?
Begegnungen zwischen jungen Menschen aus Europa und dem afrikanischen Kontinent zu ermöglichen. In Europa werden überall Mauern hochgezogen, dabei wäre das Gegenteil richtig: Wir müssen Menschen verbinden und gemeinsame Lösungen für Probleme entwickeln, die auf uns zukommen.
Im Music Exchange Programm entwickeln die Studierenden beider Kontinente gemeinsam künstlerische Projekte und erleben, wie viel Spaß das macht und was für ein tolles Ergebnis herauskommt. Zu Beginn spielen Unterschiede, wie Kultur, Musiktradition oder die Hautfarbe, noch eine Rolle. Doch beim gemeinsamen Musizieren treten solche Dinge in den Hintergrund. Es motiviert mich zu sehen, wie durch Musik gegenseitiges Verständnis wächst und neue Perspektiven entstehen. Das ist für mich der wichtigste Antrieb, dieses Programm weiterzuführen.