Englischlehrerin Sarah Loeffl organisiert bereits seit mehreren Jahren einen Schüleraustausch zwischen Neuntklässlern der Realschule Gauting und der Patchway Community School in der Partnerstadt. Fehlende Gastfamilien und neue Brexit-Vorschriften machen das immer schwieriger. Warum sich der Aufwand dennoch lohnt und wie ihre Schüler, aber auch sie selbst davon profitieren, erzählt Loeffl hier.
Sie organisieren seit neun Jahren eine Begegnung zwischen Jugendlichen der Partnerstädte Gauting und Patchway. Was motiviert Sie dazu?
Ich möchte meinen Schülern zeigen, dass Kulturen unterschiedlich funktionieren, aber wir trotzdem ein Miteinander gestalten können. Gerade in der aktuellen Lage Europas müssen Schulen das vermitteln. Das funktioniert nur über interkulturelle Begegnungen wie unseren Englandaustausch. Das Projekt ist außerdem eine gute Möglichkeit, die Partnerschaft zwischen unseren Städten Gauting und Patchway mit Leben zu füllen.
Für mich als Englischlehrkraft ist es immer großartig, in Patchway in die britische Kultur einzutauchen. Mittlerweile habe ich gute Bekannte dort, mit denen ich mich gelegentlich morgens zum Quatschen auf einen Tee treffe. Der Englandaustausch ist für mich eines der wichtigsten Projekte im Schuljahr.
Welche Herausforderungen bringt der Brexit mit sich?
Seit dem Brexit gibt es ständig neue Vorschriften. Erst benötigten die Schülerinnen und Schüler einen Reisepass, jetzt zusätzlich eine elektronische Reisegenehmigung (ETA) für die Einreise. Falls etwas passiert, greift kein EU-Recht mehr. Dadurch tragen wir Lehrkräfte mehr Verantwortung. Dennoch möchte ich den Austausch mit England unbedingt weiterführen. Die Schüler profitieren stark davon und auch ich persönlich ziehe sehr viel daraus.
Wie viele Schülerinnen und Schüler können teilnehmen?
An Realschulen in Bayern ist in der 9. Jahrgangsstufe ein einwöchiges Praktikum Pflicht. Acht unserer Schüler können ihr pädagogisches Praktikum an den Grundschulen sowie der Sekundarschule Patchway Community School absolvieren. Interessierte Jugendliche müssen dafür ein Bewerbungsschreiben abgeben. Bleiben mehr qualifizierte Bewerbungen als freie Plätze übrig, losen wir die Teilnehmer aus. Zum Gegenbesuch kommen sechs bis acht Schüler des Patchway Community College nach Gauting.
„Ich möchte meinen Schülern zeigen, dass Kulturen unterschiedlich funktionieren, aber wir trotzdem ein Miteinander gestalten können.“
Wie sieht Ihr Programm aus?
Die Jugendlichen besuchen vier Tage lang vormittags den Unterricht an den Schulen. Dadurch lernen sie ein anderes Schulsystem und neue pädagogische Ansätze kennen. Am Ende beleuchten sie die Unterschiede in einer Präsentation. Die Nachmittage verbringen sie mit Gleichaltrigen des örtlichen Jugendzentrums und des Patchway Community College. Sie spielen zum Beispiel Fußball, Neon-Golf oder Paintball, fahren zum Fish & Chips-Essen ins nahegelegene Bristol oder gehen auf dem Außengelände der Jugendherberge klettern. Den letzten Tag verbringen wir in London. Die Stadt ist für die Jugendlichen immer faszinierend.
Beim Gegenbesuch in Gauting gehen wir meist zum örtlichen Trachtenverein. Dort üben die Schüler einen Volkstanz und das Goaßlschnalzen – das typisch bayerische Erzeugen lauter Knallgeräusche mit einer Peitsche. Das ist immer sehr lustig. Außerdem stehen Aktivitäten wie Dodgeball, eine in Großbritannien sehr verbreitete Art des Völkerballs, ein Picknick am Starnberger See und ein Besuch in München auf dem Programm.
Im letzten Schuljahr sind Sie in Patchway erstmals vom Gastfamilienprinzip abgewichen. Was waren die Gründe für diese Entscheidung?
Es ist praktisch unmöglich geworden, Gastfamilien zu finden. Es fehlt Platz, Zeit, Geld oder der Wille, eine fremde Person eine Woche lang in die eigene Familie zu integrieren. Deshalb haben wir unsere Schülerinnen und Schüler erstmals in einer Jugendherberge untergebracht.
„Die gemeinsame Unterbringung in einer Jugendherberge ist für unsere Schülerinnen und Schüler entspannter.“
Welche Vor- und Nachteile hat die Unterbringung in einer Jugendherberge?
Ein Vorteil ist, dass die Organisation einfacher ist. Außerdem ist die gemeinsame Unterbringung in einer Jugendherberge für unsere Schülerinnen und Schüler entspannter. Eine Reise nach England ist für unsere Jugendlichen ein riesiger Schritt, der mit Angst und Unsicherheit verbunden ist. Zudem ist es unglaublich anstrengend, sich in einem fremden Land zu orientieren. Es beruhigt die Schüler zu wissen, dass sie spätestens abends wieder mit der deutschen Gruppe zusammen sind, die sie versteht.
Nachteilig ist, dass die Kosten steigen. Daher beantragten wir für den letzten Schüleraustausch erstmals eine Förderung bei der Stiftung im Programm „UK reloaded“. Beim Besuch in Gauting erfolgt die Unterbringung weiterhin in Gastfamilien. Die meisten Gautinger Familien haben mehr Platz als die Familien in der Arbeitergegend Patchway. In der Regel hat bei uns jedes Kind sein eigenes Zimmer. Aber auch in unserer Gemeinde ist die Suche nach Gastfamilien aufwendig. Weil die teilnehmenden Schüler jedes Jahr wechseln, müssen wir auch stets neue Gastfamilien finden.
Was war Ihr persönliches Highlight während des letzten Austauschs?
Es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, welche Entwicklung die Schüler in der Woche machen. Am Anfang sind sie sehr zurückhaltend. Sie stehen wie eine Traube um mich herum. Doch dann blühen sie auf, fangen an, sich mit den englischen Jugendlichen zu unterhalten und bewegen sich frei im Schulgebäude und Jugendzentrum. Ich kann gemütlich am Rand sitzen. Sie tanken in der Woche so viel Selbstbewusstsein. Besonders für diejenigen, die sich schwer mit Englisch tun oder sich im Unterricht nicht zu sprechen trauen, ist es eine wichtige Erfahrung, dass sie in England verstanden werden.
„Die Schüler tanken in der Woche so viel Selbstbewusstsein.“
Nehmen Sie Inspiration aus dem englischen Schulalltag für Ihre Arbeit mit?
Auf jeden Fall! In Patchway lesen die Schüler zum Beispiel deutlich mehr im Unterricht. Das hat mich inspiriert, in Gauting eine Bibliothek mit englischsprachigen Büchern anzulegen. Das ist eine gute Lösung für Vertretungsstunden und für Schüler, die ihre Aufgaben schneller lösen. Während sie auf ihre Mitschüler warten, langweilen sie sich oft oder werden durch Mehrarbeit „bestraft“, weil sie etwa schon die nächste Grammatikaufgabe lösen sollen. Hierzu gibt es jetzt eine Alternative: Wenn sie mit der Aufgabe fertig sind, können sie in meinem Unterricht stattdessen ein englisches Buch lesen.
Welchen Tipp haben Sie für andere Lehrkräfte, die einen Austausch initiieren möchten?
Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn am Anfang nicht gleich alles so funktioniert, wie Sie es sich vorgestellt haben. Gehen Sie Schritt für Schritt vor und bleiben Sie offen für neue Lösungen. Der Mehrwert ist für die Jugendlichen so hoch, dass es sich lohnt, beharrlich zu bleiben.