„Wir sind alle verantwortlich für das, was in der Gesellschaft passiert“
Erstmals veranstaltete die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg eine internationale Jugendbegegnung für Mittelschulen. Eine Woche lang setzten sich 17 Jugendliche aus Bayern und Österreich mit der Geschichte des Ortes auseinander. Am Ende der Begegnung präsentierten die Schülerinnen und Schüler der Pestalozzi-Mittelschule Weiden und der Polytechnischen Schule St. Marienkirchen ihre Ergebnisse: Collagen zu den Werten Respekt, Menschenwürde, Gerechtigkeit und Freiheit. Die Stiftung Jugendaustausch Bayern fördert das Pilotprojekt mit 14.900 Euro.
„Zum ersten Mal haben wir diese Art von Begegnung mit Mittelschulen durchgeführt“, sagt Dr. Matthias Rittner aus der Bildungsabteilung der Gedenkstätte. „Und ich würde sagen: Sie war erfolgreich.“ Die Gedenkstätte hat Mittelschulen gezielt angesprochen, da sie bei historisch-politischen Bildungsprogrammen oft zu kurz kommen.
Von der Geschichte zur Gesellschaft heute
Die Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren beschäftigten sich mit der Geschichte des Lagers, in dem und in dessen Außenlagern rund 100.000 Menschen inhaftiert waren. Doch dabei blieb es nicht. „Wir wollten nicht nur über die Geschichte des Lagers und den Nationalsozialismus sprechen, sondern auch über unsere heutige Gesellschaft, was sie ausmacht und wie wir gemeinsam leben wollen“, erklärt Rittner. Die Collagen zeigen, wie die nationalsozialistische Verfolgungspolitik die Menschenwürde, Freiheit und grundlegende Rechte der Inhaftierten missachtete. Gleichzeitig fragen sie, was diese Werte heute für junge Menschen bedeuten.
„Die nächste Generation muss alles erfahren“
Ein Zitat des Holocaustüberlebenden Jack Terry hat sich Jannat und Melisa aus Weiden nach der Woche besonders eingeprägt: „It is the next generation, your generation, that have to know.“ Für die beiden Schülerinnen steckt darin ein Auftrag. „Die nächste Generation muss alles erfahren, damit sich so etwas nie wiederholt“, sagen sie und erklären weiter: „Das ist unsere Generation, unsere Zukunft. Wir sind alle verantwortlich für das, was in der Gesellschaft passiert.“
Auch der Austausch mit den Jugendlichen aus Österreich hat die beiden bewegt. Österreich war tief in den Nationalsozialismus verstrickt, pflegt aber eine eigene Erinnerungskultur. „Sie erzählten uns, wie sie den Zweiten Weltkrieg in Österreich erinnern. Wir berichteten von unserer Seite“, erzählen sie. Jannat und Melisa ziehen nach der Woche ein klares Fazit: „Es war eine tolle Erfahrung. Wir sind zwar alle sehr unterschiedlich, aber der Umgang miteinander war immer freundlich und respektvoll.“ Die Weidener Gruppe brachte selbst viele Perspektiven mit: Jannat spricht Arabisch als Erstsprache, Melisa hat italienische und rumänische Wurzeln. „In unserer Schulklasse kommt eigentlich keiner ursprünglich aus Deutschland. Aber das war das Beste daran, wir konnten viel von unseren unterschiedlichen Kulturen zeigen“, sagen die Mittelschülerinnen.
Austausch für alle, nicht nur fürs Gymnasium
Genau solche Jugendlichen will die Stiftung Jugendaustausch Bayern erreichen. Mittelschülerinnen und Mittelschüler nehmen deutlich seltener an internationalen Begegnungen teil als Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Laut der Zugangsstudie ist es für eine Gymnasiastin fast zehnmal wahrscheinlicher, an einem Austausch teilzunehmen, als für einen Mittelschüler. „Erinnerung und internationaler Austausch gehören zusammen. Wer an diesem Ort gemeinsam nach Werten fragt, nimmt etwas für das eigene Leben mit und wird diese in die Gesellschaft einbringen. Diese Erfahrung soll allen Jugendlichen offenstehen, nicht nur denen am Gymnasium“, sagt Wolfgang Schwarzenberger, Geschäftsführer der Stiftung Jugendaustausch Bayern. Und er ergänzt: „Flossenbürg mahnt uns, wohin es führt, wenn Freiheit und Menschenwürde verloren gehen. Diese jungen Menschen aus Bayern und Österreich zeigen uns, wohin wir gemeinsam gehen wollen.”
Nach dem erfolgreichen Auftakt soll das Pilotprojekt weitergehen. Mittelschulen, die Interesse an einer solchen Jugendbegegnung haben, können mit uns per E-Mail Kontakt aufnehmen.